Zukunft der heutigen Gehörlosen im Seniorenalter

Am 7. September 2019 fand eine sehr spannende, dreistündige Veranstaltung mit einem Vortrag zum Thema „Soziale Isolierung der älteren Gehörlosen“ statt.

Eine Überraschung waren die vielen Gehörlosen, welche unerwartet aus den Nachbarländern Schweiz und Österreich angereist waren und sich freudig begrüssten.

Marcus Willam, gehörlos, aus Nürnberg, arbeitet hauptberuflich als Arbeitserzieher und nebenberuflich als Künstler im Bereich Pantomime und Gebärdensprachpoesie. Normalerweise hält er seine Vorträge in ganz Deutschland und ist damit ausgelastet. Nun machte er jedoch eine Ausnahme und kam für ein Referat nach Zürich in die Schweiz und nach Triesen in Liechtenstein.

Der Vortrag in Liechtenstein wurde humorvoll und witzig präsentiert, jedoch mit ernstem Inhalt, der die gehörlosen Teilnehmer zum Nachdenken brachte. Wie können wir die Situation für gehörlose Senioren erleichtern?

Das Altersheim für gehörlose Senioren „De Gelderhorst“ in Holland, gilt als gutes und bekanntes Beispiel, wie dies umgesetzt werden könnte. Dort haben sich bereits vor 65 Jahren Gehörlose um ihre Zukunft im Alter Gedanken gemacht und so entstand die Idee für „De Gelderhorst“. Die Einrichtung ist speziell auf die Bedürfnisse gehörloser Senioren ausgerichtet, von der Architektur bis hin zum Pflegepersonal. Ein Platz ist sehr begehrt. Die Warteliste liegt aktuell bei 125 Personen. Ein Traum für viele Gehörlose.

In der deutschsprachigen Schweiz gibt es drei Wohn- und Altersheime für Gehörlose - im Appenzellerland, dem Kanton Zürich und im Kanton BernEin gutes Beispiel ist das Haus Vorderdorf in Trogen, weil es in erster Linie gehörlosen und hörbehinderten Menschen zur Verfügung steht. Allerdings wird zwischen Bewohnern und Personal in Lautsprache kommuniziert, da das Personal momentan noch keine Gebärdensprach-Kompetenz besitzt.Das Hirzelheim in Regensberg/ZH dagegen, zählt nur wenige gehörlose Bewohner, dafür können sich einige Mitarbeitende in Gebärdensprache verständigen, da sie entsprechende Kurse besucht haben.

Ein Vorprojekt für neue Wohn- und Pflegformen für gehörlose Senioren wird von „sichtbar gehörlose Zürich“ ausgearbeitet.

Gegen Ende seines Vortrags setzte sich Marcus Willam auf einen Stuhl und schlüpfte in die Rolle einer gehörlosen Seniorin, die von ihrem trostlosen Leben im Altersheim erzählte…

„Ich bin die einzige Gehörlose unter Hörenden... die hörenden Pflegerinnen vergessen die wenigen Gebärden immer wieder… die Untertitel im Fernsehen laufen zu schnell...“

„Die soziale Isolation im Alter ist eine Realität, die in wenigen Jahrzehnten auf uns Gehörlose zukommt“, erklärte Marcus weiter. Dann stand er auf und warf den Stuhl zu Boden. Damit wollte er uns aufrütteln, uns zeigen, dass es so nicht weiter geht und wir uns aktiv wehren müssen! Ruhig sitzen bleiben ist keine Lösung!

Nach dem eindrucksvollen Vortrag beschäftigten uns viele Fragen, von denen wir einige gerne teilen möchten:

·      Wie sieht die Kommunikation zwischen gehörlosen Senioren und dem Pflegepersonal genau aus?

·      Sind die Mitarbeiterinnen gebärdensprachkompetent?

·      Gibt es genügend kommunikationsgerechte Angebote für gehörlose Senioren?

·      Gibt es Angebote für Menschen, die den Wunsch nach einem gemeinsamen Lebensabend innerhalb der Deaf Community (Gehörlosen-Verein) haben?

·      Warum ist die barrierefreie Teilhabe und soziale Einbindung in die Alltagsplanung für gehörlose Senioren immer noch kaum vorgesehen?

 

Eine Heimat findet Ihr in Eurem Verein!
Auch gehörlose Senioren brauchen natürlichen Kontakt und hochwertige Kommunikation im Alter. Sie haben das Recht, ihre Gebärdensprache zu benützen und in Würde zu altern.

Der Vortrag hat uns den Denkanstoss gegeben, sich mit unserer eigenen Zukunft auseinanderzusetzen. Es lohnt sich, sich jetzt zu engagieren!

Einen besonders grossen Dank an Marcus Willam, dass er hierhergekommen ist und sich Zeit für uns genommen hat.

Foto dazu können Sie unter Opens external link in new windowden Galerie angeschaut werden.

Quelle: vom sonos Schweizer Hörbehindertenverband
Opens external link in new windowKurzfilm über Gehörlose Seniorinnen – Wohnen im Alter

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